Gedanken zu Mailings
Was darf ein Neuspender kosten?
Ein
DIN A5-Briefumschlag, sehr dick und grün. Vorne drauf ein kitschiger
Hund, der stark an Weihnachten erinnert und der nicht zu übersehende
Spruch: „Ein Geschenk für Sie ist beigefügt!“ Was mich da wohl
erwartet...???
Erst Tage später öffne ich den Umschlag, wohl
wissend, dass hier der Internationale Tierschutz-Fonds eine
Neuspenderkampagne gestartet hat und mir Grußkarten als Geschenk
schickt. Jetzt also widme ich mich endlich dem Inhalt: zehn
Briefumschläge, zehn Klappkarten, zwei nicht ganz DIN A4-große Zettel
mit Text und Fotos darauf, ein Zahlschein, an dem meine Adresse hängt
und ein kleiner Hinweiszettel.
Der Brief: Weihnachtslayout im
Oktober 2006. Auf vier Seiten wird mir angepriesen, was alles mit
meiner Spende erreicht wird, die beiliegenden Karten werden beschrieben
und auch, wie süß sie sind. Dafür wollen sie natürlich keine Spende,
der Unterzeichner traut sich auch eigentlich gar nicht, mich darum zu
bitten, tut es aber dennoch. Rund um den Globus, in insgesamt 14
Ländern, wird meine Spende allen möglichen Arten von armen Tieren
helfen. Hunden und Katzen, Elefanten, Bären, Robben und Walen. Die
wohnen „in der Gegend“, in den USA, in Europa, Australien, Kanada,
Russland, China, Karibik und Südafrika.
Und natürlich viele
andere Tiere, ausgesetzt und misshandelt. Mit vielen Beispielen zeigt
mir der Unterzeichner die Problematik auf. Diese scheint wirklich
erschütternd zu sein und darum lohnt es sich wohl, den Kampf gegen
Tierschänder zu unterstützen! Ein bisschen wirr der ganze Brief, weil
ich nicht wirklich folgen kann, wo genau jetzt meine Spende was bewirkt
und ich kann außerdem noch viel anderes tun, um den Tieren zu helfen.
Nun
will mich der Internationale Tierschutz-Fonds (IFAW) als neuen Spender
gewinnen und ich bin mir unsicher. In wie weit kommt meine Spende an?
An wen haben die noch so dicke und bestimmt auch teure Briefe
geschickt. Immerhin schenken die mir einfach so zehn Grußkarten
inklusive Briefumschlag. Kaufe ich so etwas in einem Geschäft, zahle
ich pro Karte bestimmt einen Euro. Plus Briefporto etc. ...12 Euro pro
Brief.
Jetzt kommt eine Hochrechnung: 3% ist eine sehr gute
Response auf ein Kaltmailing. Wenn Menschen mit so hohem Gegenwert (die
Karten) unter Druck gesetzt werden, etwas dafür zu spenden, sollte
diese Response hinhauen. Gehen wir davon aus, der IFAW als große
Organisation, verschickt nur 100.000 solcher Briefe, dann kostet das
ganze 1.200.000 Euro. Ok, diese Hochrechnung hinkt, oder? Egal, mal
weitergerechnet: 3.000 Menschen reagieren mit einer Spende à 50 Euro.
Macht nach Adam Riese 150.000 Euro. Kosten dieser Aktion: 1.150.000
Euro. Jeder Neuspender kostet also rund 383 Euro.
Ja, diese
Hochrechnung ist natürlich nicht richtig. Aber für Max Mustermann
vielleicht doch? Er wird sich auch denken, dass der Stückpreis pro
Brief viel zu hoch angesetzt ist, denn wenn so viele Karten produziert
werden, gibt’s die günstiger.
Was nun dem IFAW ein Neuspender
kostet werden wir vielleicht so schnell nicht erfahren. Das dieses
Mailing sehr teuer aussieht und sich anfühlt, liegt auf der Hand. Ich
werde die Karten mit keiner Spende unterstützen und die Arbeit der
Organisation leider auch nicht. Wer mit so hochwertigen Packages
versucht, Neuspender zu gewinnen, dem traue ich nicht recht.
Leider
war das noch nicht das Ende vom Lied. Denn am gleichen Tag, bei der
gleichen Briefkastenleerung, lag ein zweiter Brief, genau der gleiche
vom IFAW, in meinem Briefkasten. Nach mehrmaliger Kontrolle fand ich
keinen Unterschied bei beiden Adressen. Einen kleinen Unterschied bei
den Briefen gab es dennoch: auf dem Briefumschlag und leicht am Inhalt.
Der IFAW testet in diesem Jahr den Teaser, stelle ich fest. Kommt es
besser an, auf den Umschlag den Slogan „Rettet ein Haustier“ zu
schreiben oder das Logo abzudrucken. Schade, dass der Test bei mir
nicht hingehauen hat, habe ich doch beide Packages erhalten und spende
daraufhin überhaupt nicht.
Hoffentlich haben nicht alle Empfänger doppelt Post erhalten, denn dann würde ein Neuspender ja auch doppelt so teuer sein.
Jan Uekermann, 12. Oktober 2006, Karlsruhe
Den
obigen Text, wie alle anderen Texte, sende ich auch immer an die
betreffenden Organisationen. Herr Thomas Mertens, Leiter der
Förderbetreuung vom IFAW antwortete mir sofort am 12. Oktober,
nachmittags:
Sehr geehrter Herr Ueckermann,
vielen Dank für den netten Text. Ich habe ihn mit Vergnügen gelesen.
Natürlich
stimmt die Hochrechnung so nicht. Da der Brief per Infopost verschickt
wird, sind die Portokosten nicht € 1,45 und die Karten kosten auch
nicht €1,-- pro Stück, da alle Karten für alle Länder, in denen der
IFAW Fundraising betreibt in den US produziert werden. Auch ich kann
nicht genau sagen, was ein Pack kostet, denke aber, die Produktions-
und Verschickungskosten bei etwa €1,50 liegen werden.
Unser
Fundraising kommt aus den USA. Wir sind die einzige Organisation, die
in Deutschland diese Art Fundraising betreibt. Da wir immer Incentives
verschicken, bekommen wir auch bis zu 30% mehr Spenden,
durchschnittlich ca €10,00. Unsere Response liegt meist bei ca. 7%. Sie
können sich also aausrechnen, dass der Neuspender bei uns nicht so viel
kosten, wie Sie meinen.
Sie haben jedoch recht, die zweite
Sendung hätten Sie nicht bekommen sollen. Es handelt sich dabei um eine
einladung, eine Einzugsermächtigung zu erteilen. Sie hätten entweder
das eine oder andere Pack erhalten sollen, nicht beide. Wir bitten das
Versehen zu entschuldigen.
Wir stehen Ihnen gerne für Fragen zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen
Thomas Martens
Leiter Fördererbetreuung
IFAW-Deutschland
Ein Doktor schreibt mir
Herr Doktor
Jürgen Thiesbonenkamp schreibt an mich. Er arbeitet bei der
Kindernothilfe und schreibt: Sehr geehrte Damen und Herren. Im Brief
berichtet er über das Seebeben in Südasien - der Brief ist vom 22. März
2005 - und dass die Kindernothilfe dank ihrer Spenderinnen und Spender
im Wiederaufbau tätig ist. Das sind aber tolle Spender!
Er
appelliert daran, die vielen anderen Projekte nicht aus den Augen zu
verlieren und erzählt, dass es besonders hart die Kinder treffen würde.
Aber natürlich ist die Kindernothilfe zur Stelle, dank Spenderinnen und
Spendern wie mir. Sehr gut!
Im vierten Absatz dann endlich mal
wirklich eine direkte Ansprache, und wieder einmal geht's ums Geld:
Helfen Sie bitte diesen Mädchen und jungen Frauen durch Ihre Spende!
Und
damit ich auch wirklich spende, stellen sie mir diesmal bewusst
Projekte aus Afrika und Lateinamerika vor. äh, nein, natürlich nicht
damit ich auch wirklich spende sondern damit neben Asien auch andere
Weltregionen nicht in Vergessenheit geraten. Ich soll mithelfen, den
Kindern dort eine Zukunftsperspektive zu geben.
Ein gesegnetes
Osterfest wünscht mir der vom Foto her freundlich lächelnde Herr Dr.
Thiesbonenkamp noch, unterschreibt neben seinem Foto in schönem Blau
und weist mich im PS darauf hin, dass ich durch eine Patenschaft mit
31,- Euro im Monat jungen Mädchen langfristig helfen könnte. Sehr
interessant. Es warten noch 3.650 von ihnen auf eine Patin bzw. einen
Paten. Hoffentlich findet die Kindernothilfe diese 3.650 Personen bald.
(zu: Kindernothilfe-Spendenbrief vom 22. März 2005)
Ein Brief vom WWF
Betreff:
Bitte helfen Sie mir, die Flachland-Gorillas zu retten! Das ist ja was:
da bittet mich eine einzige Person, Gorillas im Flachland zu retten.
Wie der das alleine wohl macht? Mal schauen.
Lieber Herr
Uekermann, in unserem Projektgebiet Dzanga-Sangha im Herzen Afrikas ist
der tropische Regenwald noch so wie er sein soll: Feucht, heiß, fast
ungestört und atemberaubend schön! Meine persönlichen Stars sind hier
die Flachland-Gorillas. Und dann schreibt er noch, dass er am liebsten
jeden Tag in ihrer Nähe verbringen würde. Krasser Typ.
Doch dann
passiert da irgendwo etwas, das habe ich übersehen oder der Schreiber
vergessen. Denn im nächsten Satz folgt die Information, dass sie im
vergangenen Jahr einen großen Schritt zur Rettung dieser Gorillas
gemacht hätten. Ja so was, sind die denn in Gefahr? Aber stimmt, Sie
sagten da so etwas in der Betreffzeile. Wer sind Sie eigentlich, Herr
Unterzeichner? Die Unterschrift kann ich nicht entziffern, ein Name
steht darunter nicht. Ein Blick in den Briefkopf, der sieht so aus wie
immer vom WWF…oder doch nicht? Der Panda ist da, der Schriftzug, aber
halt, da steht WWF en RCA. Das kommt gar nicht aus Deutschland. Und da:
vor dem Datum die Ortsangabe: Bayanga (RCA). Wo auch immer das ist, da
gibt’s auf jeden Fall so krasse Typen, die wahrscheinlich am liebsten
im Kreise von Gorillas frühstücken würden.
Auch nach längerem
Suchen erfahre ich in dem Brief nicht, wer mir da nun schreibt. Aber
eine andere Information finde ich doch noch im Adressfeld: abgeschickt
wurde der Brief aus der Rebstöcker Straße in Frankfurt am Main. Also
doch aus Deutschland. Aber irgendwie halt auch nicht. Nun denn, widmen
wir uns wieder den interessanten Dingen dieses Briefes!
Ein
weiterer Abschnitt, in dem er über ihre Erfolge berichtet, dann endlich
werde ich angesprochen: Ihre Spende hilft jetzt, unsere Erfolge
auszubauen. Na klar, die wollen natürlich gleich wieder mein Geld. Und
wofür? Damit die erfolgreich sein können. Spitze. Und wo bleibe ich
dabei?
Aber was kostet das überhaupt, diese Erfolge auszubauen?
45, 57 oder 70 Euro. Das ist ganz schön was. Wofür? Für die Ausbildung
eines neuen Wilthüters, eine Uniform und gutes Schuhwerk oder die
Monatsverpflegung für ein so genanntes „Habituierungsteam“. Die
Team-Mitglieder gewöhnen die Gorillas an die Anwesenheiten von
Menschen. Ja, klar, der Schreiber dieses Briefes ist ja so gerne bei
denen. Ach so, nein, weil wohl nur die Touris der Wilderei langfristig
den Boden entziehen können. Nun gut.
Und bevor ich zu den
letzten Sätzen gelange, lese ich über der Unterschrift das Wörtchen
„Ihre“ – eine Frau schreibt mir hier? Wie bin ich nur darauf gekommen,
die unterzeichnende Person könnte ein Mann sein? Vielleicht habe ich
gleich an einen starken Mann gedacht, denn nur so einer könnte das
Leben von Gorillas retten. Dachte ich.
Sie schreibt, dass sie
weiß, dass sie weit weg von uns hier in Deutschland ist. Aber ich soll
ich glauben, dass es sich lohnt, diese faszinierenden Gorillas für
künftige Generationen vor dem aussterben zu bewahren. Na das ist doch
wohl klar, dass es sich um jede Tierart lohnt zu kämpfen, dass wir
Menschen sie nicht ausrotten! Ob sie dabei auf meine Unterstützung
zählen kann? Nein, ich glaube nicht. So viel Geld auf einmal und dann
gibt’s ja noch so viele andere Organisationen, die auch alle etwas
brauchen. Tut mir leid, lieber WWF, diesmal leider nicht.
(zu: WWF-Spendenbrief vom 18.08.2005)
Ein Brief vom 17.08.2006
Welche
Freude! Ich komme aus dem natürlich zu kurzen Urlaub zurück, in meinem
Briefkasten einige Briefe. Nerviges vom Vermieter, eine Versicherung
preist mir ihre Leistungen und einer von amnesty international. Ein
Spendenbrief – denke ich. Ich öffne vorsichtig den Umschlag, um dieses
vielleicht besonders gute Mailing für die Nachwelt zu sichern.
Heraus kommt eine einzige Seite.
Kein Zahlschein, keine Infozusendung, kein kleines Geschenk oder Postkarten – nix, außer einem Brief.
„Sehr
geehrter Herr Uekermann, für Ihre Bereitschaft, unsere Arbeit mit einer
Spende zu unterstützen, möchte ich mich im Namen der deutschen Sektion
von amnesty international und derjenigen, für die wir uns einsetzen,
herzlich bedanken.“
Nach so langer Zeit nur mal wieder ein
herzliches Dankeschön – obwohl ich doch eigentlich viel spende. Gut,
ich muss gestehen, nicht unbedingt im Sinne des DZI, da ich meine
Spenden an viele verteile und mich nicht auf bestimmte Organisationen
konzentriere. Aber dieser, für die Menschenrechte kämpfenden
Organisation, waren meine doch immerhin zehn Euro wert, einmal danke zu
sagen. Toll!
Im weiteren Verlauf des Briefes werde ich über den
ungefähren Verbleib des Geldes informiert: „Ihre Spende sichert daher
unsere Unabhängigkeit“ – Na, das ist doch was. Wenn auch nicht konkret,
aber klar, so eine Organisation muss natürlich unabhängig sein, also.
Und wenn´s hilft?! Sie teilen mir mit, dass ich im kommenden Februar
meine Spendenbescheinigung erhalten werde und falls ich meinen Namen
beim Heiraten ändern sollte, dies doch bitte für die Adressänderung
mitzuteilen. Das regt auch zum Schmunzeln an, ob gewollt oder nicht.
Ein schöner – nicht erwarteter und daher auch
erfolgreicher – Brief in einem zwar geschäftlich erscheinenden
Briefbogenlayout aber er erzielt voll seine Wirkung: amnesty
international sind auch kleine Spenden von zehn Euro mal einen
Dankbrief wert, das schätze ich sehr und werde sicherlich bald mal
wieder für die Menschenrechte spenden.
Danke, lieber Herr Klaus
H. Walter (Leiter der Abt. Mitgliedschaft und Service). Sie haben den
Brief unterschrieben, zwar sehr pixelig und mit einem grauen
quadratischen Kasten dahinter – also doch ein Serienbrief. Ich weiß
Ihren Dank sehr zu schätzen und freue mich darüber, dass Sie mir
gedankt haben.
Danke!
Ihr Jan Uekermann
(zu: amnesty international-Dankbrief vom 17.8.2006)
PS: Haben Sie auch mal ein schönes Dankeschön erhalten? Schreiben Sie mir hier bitte kurz Ihre schönste Erinnerung!